Wenn Brotbackmaschine und Fernseher miteinander sprechen

Am Innovationszentrum „Connected Living“ tüftelt TU-Professor Albayrak gemeinsam mit 50 Unternehmen am vernetzten Heim

Showroom am Ernst-Reuter-Platz © Connected Living/Matthias Steffen

„Das ist absurd!” Das ist einer dieser Sätze, die Prof. Dr.-Ing. Dr. h.c. Sahin Albayrak öfter zu hören bekommt, wenn er anderen von seinen Ideen erzählt. Ihm geht es damit so wie anderen Visionären und Visionärinnen vor ihm, die neue Wege gingen.

Auch sein 2009 gegründetes Innovationszentrum „Connected Living“ ist der Realität mindestens einen Schritt voraus. Dort, im Showroom am Berliner Ernst-Reuter-Platz, kommuniziert die Brotbackmaschine mit dem Fernseher und das Smartbike über den Tablet-PC mit dem Kühlschrank. „Wir sind daran interessiert, Lösungen zu konzipieren, die Mobilität unterstützen, die energieeffizient sind und Ressourcen schonen“, sagt Albayrak. Er ist Professor für Agententechnologien in betrieblichen Anwendungen und der Telekommunikation an der Technischen Universität Berlin (TU).

Eine alternde Gesellschaft, die eine grüne Zukunft will, braucht entsprechende Lösungen – und die will Sahin Albayrak liefern. Er tut dies in Form eines vernetzten Heims, in dem elektrische Geräte und softwarebasierte Assistenzen den Bewohnerinnen und Bewohnern unter die Arme greifen: Sie helfen Strom zu sparen, unterstützen bei der gesunden Ernährung oder dabei, das richtige Fernsehprogramm zu finden. Schlüssel des Ganzen ist ein winziger Chip, mittels dem bislang isolierte Geräte über existierende Stromleitungen miteinander verbunden werden: Stecker in die Steckdose, fertig.

Innerhalb weniger Jahre ist es dem Informatiker gelungen, nicht nur das Wohnzimmer mit Küche und Fitnessraum zu vernetzen, sondern auch ein Berliner Netzwerk mit Akteuren aus Wissenschaft, Energiewirtschaft, der Unterhaltungs- und Telekommunikationsbranche und dem Gesundheitswesen zu schaffen: „Connected Living“, dem unter anderem die Deutsche Telekom, verschiedene Fraunhofer Institute, die AOK, Miele und Loewe, EnBW und Vattenfall angehören. An seinem Tisch brachte er etwa 50 Unternehmen zusammen, die vor der Tür Konkurrenten sind: „Wir können nur weiterkommen, wenn wir anfangen, zusammenzuarbeiten und sehen, dass wir keine Angst voreinander zu haben brauchen“, sagt Albayrak, der direkt nach seiner Promotion 1992 das DAI-Labor (Distributed Artificial Intelligence) an der TU Berlin gründete, das mittlerweile mit 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine der größten Forschungseinrichtungen für Smart Services und Smart Systems in Deutschland ist.

In einer Zeit, als Computer noch so langsam liefen, dass sie uns heute in den Wahnsinn treiben würden, glaubte Albayrak schon fest an das Mooresche Gesetz, daran also, dass die Mikroelektronik immer leistungsfähiger werden würde und daran, dass sie irgendwann schnell genug sein würde, damit Waschmaschine und Stromzähler miteinander kommunizieren können. Und er behielt recht. Heute ist die Waschmaschine in der Lage, sich automatisch anzustellen, wenn der Strom günstig ist.

Auch wenn der Gesundheitsassistent des vernetzten Heims mit seinem computeranimierten Fitnessprogrammen als schöne Spielerei daherkommt und der Ernährungsassistent mit seinen Kalorien- und Inhaltsstoffangaben für Zitronenhühnchen als nettes Schmankerl, geht es Albayrak und seinem Team um ernste Fragen wie demographischen Wandel: „Wir Wissenschaftler müssen Dienstleistungen erbringen und für Probleme Lösungen aufzeigen: zum Beispiel mit einem intelligenten Heim, das auch ältere Menschen unterstützt.“

In der Pilotphase sollen nun über 100 Haushalte vernetzt werden. „Meine Vision ist die intelligente Wohnung für jeden Geldbeutel“, sagt Albayrak. Sein eigenes Haus ist heute schon ziemlich smart, es weiß sogar, wann es den Rasen sprengen muss.

Susanne Hörr
Kluge Köpfe 2012