Ein moderner Nomade

Catalin Enache ist kein Traumtänzer, sondern einer, der den Mut hat, an seine Träume zu glauben

© WD Eyewear Berlin

Als Catalin Enache der Mutter seines Kindes von der Idee mit dem Brillengestell erzählt, verlässt sie ihn. Er sei ein Traumtänzer, er habe eine Familie zu versorgen, da sei kein Platz für Träumereien. „Es ist heute nicht mehr normal, an Dinge zu glauben. Für viele haben Träume keinen Sinn mehr. Ihnen fehlt der Mut, etwas zu verändern“, sagt Enache, der ursprünglich aus Bukarest stammt.

Er kann nicht anders, er ist ein Nomade. Er folgt seiner Natur, seiner Intuition. Sie hat ihn von Rumänien über Italien bis hin nach Berlin geführt. Von der Architektur über die Malerei und Fotografie bis hin zu seinem Patent mit dem Erfindungstitel „Holzbrillengestell mit kompaktem auseinanderziehbarem Scharniersystem ohne Schrauben“.

Es ist ein Gefühl aus der Kindheit, das sich einstellt, wenn man Catalin Enaches Erfindung in den Händen hält: Dann, wenn sich der Rahmen ganz natürlich um die Gläser schließt und wenn Bügel und Gestell am Scharnier ineinander gleiten. Klack. Dann ist es da: das Puzzlegefühl. Es ist eine Art mechanisches Puzzle, das der Künstler entworfen hat. Da wird nichts geschraubt oder aneinandergeklebt. Der Rahmen ist so konstruiert, dass Bügel und Gestell genau ineinander passen.

Enache sitzt am Tisch seiner Charlottenburger Wohnung und blickt auf die Straße in ein bürgerliches Wohnviertel. „Es ist schön hier in der City West. Diese Gesetztheit bringt Ordnung in das Leben“, sagt der Künstler. Er wirkt ruhig. Endlich scheint Ruhe beim ihm eingekehrt zu sein – nach einer schwierigen Zeit des Suchens. Das sieht man auch seinen Bildern an, die an der Wand lehnen. Mit ihnen hat Enache seinen Stil, seine eigene Technik gefunden. In zurückhaltenden, gräulich-bräunlichen Farben lehnen sie da, ganz eigenwillige Leinwände, mit Kunstharz und Öl bearbeitet. Herausgekommen ist etwas, das man so nicht kennt, das aber sehr ausgereift scheint.

Enache hat geknotet, gewickelt und mit Farbe experimentiert. Die fünf abstrakten Gestalten, die sich auf der Leinwand aufreihen, sind nicht gemalt. Sie sind vielmehr durch das Zuknoten entstanden, die Bilder haben sich gewissermaßen selbst komponiert. Sie haben ihre ganz eigene Struktur, ja Natur entfaltet. „Ein Künstler kann so etwas Komplexes nicht selber schaffen. Ich war eher eine Art Hilfsarbeiter, der bei der Ausführung behilflich war. Dort spricht die Natur selbst.“

Auch seine Erfindung führt ihn wieder zurück zur Natur: „Ich lerne anhand dieser Brille etwas über sie. Holz zum Beispiel kann sehr elastisch sein. Das wusste ich vorher nicht“, sagt Enache und biegt den Bügel der Brille stark. Doch trotz aller Natürlichkeit werden die Kunden von „WD Eyewear Berlin“ später einmal eines vergeblich suchen: die Modevokabel „handmade“. Die zehn Gramm leichte Brille ist zwar letztlich ein Stück Natur für die Nase, aber an ihr ist nichts handgemacht. „Hightech made in Berlin-Brandenburg“ würde es eher treffen.

Wer das Geheimnis hinter dem Brillengestell entdecken will, muss zu einem fahren, der an Enaches Idee geglaubt hat – zu Hauke Reiser, Chef der Firma „Schichtwerk“ in Potsdam. Zu 80er Musik von Bronski Beat tanzt dort die CNC-Maschine über das Birnenholz: Die Kugelfräse rast über das Stück, schleift Ecken und Kanten und ritzt filigrane Rillen in das Holz. „Achtung, jetzt! Der Kopf bearbeitet das Gestell jetzt schräg von oben. Und das bis zur dritten Nachkommastelle genau. So präzise würde das ein Mensch nie hinbekommen!“, ruft Reiser euphorisch in das Fräsgeräusch der CNC-Maschine hinein. Er hat ihr beigebracht zu tanzen. Neben dem Glaskasten, in dem die Fräse vor sich hin schafft, rattern Zahlen und Formeln über einen Bildschirm. Es sind die 55371 Befehle, mit denen Reiser die Maschine programmiert hat. Sie geben jeden Winkel, jede Achse und jede Bewegung an, die das Gerät ausführen soll. Ungefähr 90 Minuten braucht es dazu.

Noch arbeiten Catalin Enache und Hauke Reiser an einer vorläufigen Variante, sie feilen noch – oder vielmehr die CNC-Maschine am Prototypen. Für das kommende Jahr wollen sie drei bis vier verschiedene Modelle erarbeiten. Enache schwebt neben Ausführungen mit anderen Holzarten auch eine exklusive, mit japanischem Urushi-Lack veredelte Variante vor.

Bei ihm hat vieles zusammengespielt: Der Zufall, dass er Hauke Reiser getroffen hat. Seine Nomadennatur. Sein ästhetischer Sinn. Die Natur und sein Traum. Doch das Brillengestell, das die Fräse gerade aus dem Birnenholz herausarbeitet ist ganz real. „Run away, turn away, run away, turn away, run away“ singt Bronski Beat. Wegrennen aber muss Catalin Enache nicht mehr. Er ist angekommen – vorerst.

Susanne Hörr
Kluge Köpfe 2013