Da wächst was

IAV ist das, was man einen Hidden Champion nennt. In fast jedem Fahrzeug steckt eine Entwicklung des Berliner Unternehmens. Seit Ende 2017 hat IAV ein eigenes Digital Lab. Dort wird agiles Arbeiten geübt

Stefan Schmidt © Sonja Hornung // Photography

Eine Keimzelle ist der „allererste Anfang von etwas, aus dem sich ein größeres Ganzes entwickelt“, so schreibt es der Duden. Doch Biologen wissen: Nichts keimt einfach mal eben so. Pflanzensamen beispielsweise brauchen Wasser, brauchen Wärme, brauchen Licht. Der Samen keimt aus, bildet einen Spross und wird, vielleicht 50 Jahre später, zu einem Baum herangewachsen sein, mit kräftigen Wurzeln und stolzer Krone.

So ähnlich ist das auch in Unternehmen. Damit dort etwas keimen kann, braucht es kluge Köpfe, Neugierde und in vielen Fällen immer noch entsprechende Räume. Diese nennt man meistens Inkubator oder Keimzelle. Bei IAV, der Ingenieurgesellschaft Auto und Verkehr, gibt es seit 2017 aus diesem Grund das Digital Lab. Geleitet wird es von Stefan Schmidt. Er hat an der TU Berlin Fahrzeugtechnik studiert und war bei IAV in verschiedenen Abteilungen tätig, hat das Controlling und Großprojekte geleitet. Jetzt ist er Chief Digital Officer.

Schmidt hat sich im sogenannten Wohnzimmer im großen Ohrensessel zurückgelehnt. Die Wände sind mit mathematischen Formeln bekritzelt, mit Pfeilen und Strichen, einzelne Punkte sind energisch eingekreist, dazwischen Fragezeichen, Kommentare. Jeder kann hier seine Idee an die Wand schreiben. „Und wem zu der Idee etwas einfällt, der schreibt es dazu“, erklärt er. Im Digital Lab sollen die Mitarbeiter*innen anders arbeiten als im Rest des Unternehmens. Sie sollen neue Arbeitsweisen kennenlernen. Die Stichworte sind crossfunktional, agil, kollaborativ.

Normalerweise ist IAV ein klassisches Dienstleistungsunternehmen im Ingenieurbereich. Man entwickelt zum Beispiel Motoren, Cockpitsysteme und Software, erforscht Brennstoffzellen und künstliche Intelligenz - macht sich nicht mehr nur über Autos Gedanken, sondern über Mobilitätskonzepte im Allgemeinen. Lange Zeit hielt sich das Unternehmen in der Öffentlichkeit zurück. „Wir stehen nicht auf unseren Produkten, wir stehen hinter unseren Produkten“, sagt Schmidt. Dabei steckt ein Stück IAV wohl in jedem Fahrzeug, das über die Straßen rollt. Doch die Zeiten ändern sich: Die sonst so behäbige Automobilindustrie befindet sich in einem tief greifenden Wandel – und damit hat sich auch die Rolle von IAV verändert. Vom Dienstleister hin zu einem Partner auf Augenhöhe. Es wird nicht mehr bloß bestellt und zugeliefert, sondern immer stärker gemeinsam entwickelt.

In der Vergangenheit dauerte die Entwicklung eines Fahrzeugtyps fünf Jahre – oder länger. Gearbeitet wurde nach dem Wasserfall-Modell – immer eins nach dem anderen. Das war zwar erfolgreich, aber auch langwierig und starr. „Am Ende hatte man ein qualitativ wertvolles Produkt, technologisch aber oft schon wieder veraltet“, erzählt Schmidt. Heute versuche man, agil zu arbeiten. Das heißt: Forschung, Entwicklung von Prototypen, Testverfahren, Dokumentation – das alles läuft gleichzeitig ab.

Wer eine Projektidee hat, stellt diese auf der kleinen Bühne im Digital Lab vor. Findet die Idee Anklang, gibt es einen Auftrag von Stefan Schmidt und der Product Owner stellt sich ein entsprechendes Team zusammen – fachgruppen- und abteilungsübergreifend, crossfunktional. Innerhalb von zwei Wochen soll das Projekt dann umgesetzt werden. Nicht nur die Arbeitsmethode ist anders, auch die Technik. Neue Tools kommen zum Einsatz, eine wichtige Rolle spielt dabei der Gamification-Ansatz.

Für viele Kollegen ist das ungewohnt, auch was die neuen Hierarchien innerhalb des Teams angehe. „So etwas kommt nicht über Nacht. Das ist ein langsamer Entwicklungsprozess“, weiß Schmidt. In der Anfangszeit gab es deshalb ein spezielles Coaching- und Mentoren-Programm.

Wie das Digital Lab aussehen soll, haben die Mitarbeiter*innen entschieden. Es gibt große Holztische und Bänke, Sessel, Regalsysteme, beschreibbare Wände. Ganz anders als die klassischen Büros, in denen jeweils zwei oder drei Ingenieur*innen an ihren Schreibtischen sitzen.

Der Samen ist gepflanzt und angegossen. Jetzt braucht es noch ein bisschen Wärme.

Stefanie Paul
Kluge Köpfe 2018